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Selbsterfahrungsgruppe-sehr empfehlenswert

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    Aufgewühlt und aufgeregt betrat ich die Praxisräume der Psychologin, die die Selbsterfahrungsgruppe leiten sollte.

    Ich wurde herzlich begrüßt. Die Fachfrau stellte sich mir sogleich mit Vornamen vor und teilte mir mit, dass man sich im Gesprächskreis dutze, wenn ich nichts einzuwenden hätte.

    Ich lernte kennen:
    Martin ( die Namen sind alle geändert), Altenpfleger, Anfang 50, Jahresvertrag in seiner Einrichtung, halbes Jahr dabei und ebenso lange hatte er die Schwierigkeiten, das zweite Mal in der Gruppe, nicht krankgeschrieben;

    Sandra, 35, Abteilungsleiterin im Einzelhandel, seit 20 Jahren in dem Betrieb, Dauer der Situation ¾ Jahr, das zweite Mal in der Gruppe, nicht krankgeschrieben;

    Christa, Anfang 50, seit 18 Jahren Sekretärin für einen Professor in einem Institut, Dauer der Belastungen, etwa 2 Jahre, das erste Mal in der Gruppe, seit Dezember krank.

    Gerda, Anfang 50, Teilzeitangestellte in einem Büro, Dauer der Belastung ca 2 Jahre, das zweite Mal in der Gruppe, nach vierwöchiger Krankheit zurück.

    Tina, Anfang 40, seit 20 Jahren im Betrieb (Aufgabenbereich: Resozialisierung auffälliger Jugendlicher), im Betriebsrat tätig, Beginn der Anfeindungen vor etwa 2 ½ Jahren nach langer schwerer Krankheit, seit ein paar Wochen krank, das erste Mal in der Gruppe;

    Ich, weiblich, Mitte 40, Dauer der Belastung, 7 Jahre, Seit August letzten Jahres arbeitsunfähig krank, das erste Mal in der Gruppe.

    Anwesend war noch eine Dame von der Gewerkschaft und Ilse, die Therapeutin.

    Wir setzten uns im Kreis auf Stühle und bekamen Kissen für unsere Füße. Die Schuhe hatten wir ausgezogen.
    Ein erster Blick in die Gesichter der Anwesenden spiegelte mein eigenes Leid wider.

    Christa und Tina hatten rot geweinte Augen, Sandras Gesicht wirkte starr und beherrscht, Martin sah hoffnungsvoll immer wieder zur Therapeutin, nur Gerda schien sich ihrer heutigen Position in ihrem Fall bewusst zu sein, sie hatte eine sehr positive Ausstrahlung.

    Ich starrte die meiste Zeit um innere Ruhe bemüht auf meine Füße.

    Zunächst sollten nun die Neuen Raum bekommen, ihre Geschichte darzustellen. Sie wurden ermutigt sich Zeit zu lassen und zu erkennen, dass hier alle in einem Boot saßen.
    Als keiner den Mut fand, bat ich um das Wort. Ich schilderte in erstaunlich klaren und kurzen Worten meine Leidensgeschichte, wobei mir jedoch die Tränen kamen.

    Ich bemerkte jedoch, dass ich in meiner Entwicklung soweit fortgeschritten war, dass mich die Geschichte weit weniger aufwühlte, als noch vor ein paar Wochen. Die Rückmeldung der Therapeutin tat sehr gut. Sie bestätigte sogleich, dass es nicht erstaunte, nach dem Erzählten, dass mir zum Weinen zumute war.

    Als nächstes berichtete Tina von ihrem Leidensweg. Sie weinte sehr viel und schien tatsächlich tief verzweifelt. Ihre Stärke konnte man dennoch spüren, mit der sie in der Vergangenheit einen guten Job gemacht, sich einen hervorragenden Ruf erarbeitet und vom Kollegium stets viel Sympathie entgegengebracht bekommen hatte. Während ihrer schweren Krankheit wurde ein neuer Kollege eingestellt, der die Zeit genutzt hatte, alle auf seine Seite zu ziehen, inkl. all derer, von denen sie sich stets geschätzt fühlte. Überraschung ist wohl das treffenste ihrer Gefühle.

    Die Rückmeldung der Therapeutin bei ihr war vor allem, sie solle nicht mit sich zu hart ins Gericht gehen. Es sei nicht ihr Verdienst, dass sie mit all ihren Bemühungen nicht weiter käme sondern vielmehr die kranke Struktur im Betrieb.

    Christa kam zu Wort. Ihr war das absolute Unverständnis ihrer eigenen Situation deutlich anzumerken. Hatte sie vor 18 Jahren doch das Institut mit aufgebaut. Die Arbeit häufte sich im Laufe der Jahre und sie wurde ihr nicht mehr Herr. Die Bitte um Unterstützung blieb zunächst ungehört, was sich in körperlichen Symptomen zeigte. Aufgrund ihrer nun häufigen krankheitsbedingten Ausfälle, wurde ihr eine neue Kollegin zur Seite gestellt, die ihr nun das Leben erschwerte mit zahlreichen Aktionen, die uns hier allen allzu vertraut sind.

    Sandra berichtete, selbst mit Mobbingvorwürfen konfrontiert worden zu sein. Dies geschah durch eine Kollegin, mit der sie auch privaten Kontakt hatte, die seit Jahren in psychiatrischer Behandlung ist, ihr gesagt habe, sie würde einen auf Psycho machen, um nicht mehr arbeiten gehen zu müssen und nun Sandra schlicht benutzt. Ihr wird vorgeworfen, arrogant mit der Kollegin umzuspringen, sie zu bevormunden, wobei es ausreiche, wenn sie um Unterstützung bittet, während sich die Kollegin privat unterhält. Andere blasen nun ins gleiche Horn. Auch bei Sandra absolute Überraschung und Unverständnis ob ihrer Situation deutlich zu spüren.

    Martin und Gerda hatten schon einige Fortschritte vorzuweisen. Martin wehrt sich nun. Gerda hat Zukunftspläne, die sie bereits auf den Weg gebracht hat und die ihr Stärke und Selbstvertrauen zurück geben.
    Am Ende der Sitzung sollten wir unseren nächsten kleinen Schritt auf ein Blatt notieren.
    Da standen Dinge wie „Ich werde kämpfen“ „Ich will es verstehen“ „Ich will Gerechtigkeit“
    Ich schrieb „Sonne genießen, Reha machen, Kraft tanken“, Christa sagte, das wünsche sie sich auch.
    Symbolisch schenkte ich ihr die Sonne und die Kraft, in dem ich ihr das Blatt überreichte.

    Fazit:
    Es hat absolut gut getan.
    Ich hatte das Gefühl, jedem schon mal begegnet zu sein, noch bevor ich mit ihnen sprach. So tief waren wir verbunden durch unsere Leidensgeschichten.
    Dadurch wohl fiel es allen auch so leicht, sich zu öffnen.
    Ich kam mir gestern vor wie ein Wackeldackel hinten auf der Hutablage von Opas Auto, weil ich beständig nickte, denn fast alles hatte ich ähnlich erlebt.
    Mir wurde sehr bewußt, wo ich im Moment stehe und dass ich schon einige Phasen „nach Mobbing“ bewältigt hatte.
    Selbsterfahrungsgruppe, Prädikat „sehr empfehlenswert“.


    Eure Mops
    mops
    sehr erfahrenes Mitglied
    Zuletzt geändert von mops; 19.03.2010, 10:08. Grund: Lesefreundlicher gestaltet
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